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Überblick

 


Nahtod: Einleitung

Mal ehrlich. Im Grunde nehmen wir unser Privileg, am Leben zu sein, als viel zu selbstverständlich. Die Vorstellung davon, dass Wahrnehmung, Emotion und Bewusstsein von einem Moment auf den anderen nichtig und bedeutungslos werden, ist eine, für normale Menschen, undenkbare. Die Chance, nach einer lebensbedrohlichen Situation oder solch einem Erlebnis, zurück ins Leben zu treten, wird bei den meisten, die eine solche Erfahrung machen mussten, als Geschenk betrachtet. Diese Menschen nehmen ihr Dasein viel bewusster als zuvor wahr, da sie in der Gewissheit leben, dass die Gegenwart auch urplötzlich enden könnte. Die Wahrnehmung von dem eigenen Umfeld und der endlichen Zeit, die einem bleibt, lässt einen ausbremsen, den Alltag hinterfragen, vielleicht das alte Leben aufgeben.

 

Raus aus dem Alltag. Weg vom monotonen Job. Nicht andere für sich leben lassen, sondern selber leben. Wer in dem Bewusstsein ist, irgendwann fange ich an zu leben, findet sich allzu oft am Ende des Lebens mit der Erkenntnis wieder, dass die besten Jahre, die meiste Energie, für nichts und wieder nichts verbraucht wurde. Solch ein Beben, was eine Zerrüttung der vorherrschende Weltanschauung bedeuten kann, ist eine Nahtoderfahrung. Dieser Themenbereich ist sehr komplex. Er reicht von der offensichtlichen Frage: „Was kommt nach dem Tod?“, bis zu eher unzusammenhängenden wie: „Wenn ich träume, erlebe ich dann die Unbedeutsamkeit anderer Realitäten, bzw. wie ist es tot zu sein?“

 

Ich habe mir lange Gedanken gemacht, was der Hauptgehalt von Leben ist und wann es endet. Man muss kein großer Philosoph sein, um klar zu erkennen:

 

Mein Leben endet dann, wenn mein Bewusstsein unwiderruflich endet.

 

Es gibt sehr viele Theorien, wie sich dieser “Zustand“ anfühlt, wenn geistig nicht mehr am Leben teilgenommen werden kann. Ist die Verfassung eines Hirntoten oder einer schwer an Demenz erkrankten Person mit diesem Zustand vergleichbar? Endet Bewusstsein da, wo es nicht mehr kommuniziert, nicht mehr nach außen getragenen werden kann? Wohl kaum. Ob die Verfassung völliger geistiger Umnachtung eine Art von Vorstadium zum Ende ist, ist streitbar. Der Zustand, der dem des Todes am nächsten kommen dürfte, ist der vor der Geburt eines Menschen. Kein Mensch im Erwachsenenalter, kann sich BEWUSST an seine Geburt erinnern. Und dennoch dürfte hier der Startpunkt dessen liegen, was wir Leben nennen. Wir entwickeln ab Augenblick der Geburt ein Bewusstsein für die Welt.

 

Aber auch diese Aussage ist zu unkonkret. Wenn man es genau betrachtet, nimmt ein Säugling schon sehr früh im Mutterbauch Reize auf. Diese werden von Tag zu Tag komplexer. Nach etwa neun Monaten wird man praktisch in die Realität entlassen. Das Leben nimmt seinen Lauf. Also kommt die Befreiung und die Bewusstwerdung von sich selbst zu anderen schleichend. Aber weiß man deshalb, wie es vor der Geburt war? Wohl eher nicht. Die meisten können es sich, kurz gesagt, nicht vorstellen. Der Zustand vor dem des ersten Atemzugs ist genau identisch mit dem Erlischen seiner selbst.

 

Der Mensch kann sich nicht vorstellen, wie es war und wie es sein wird. In gewisser Weise ist es vergleichbar mit der Weite des Universums. Zeit und Raum existieren und sind Garant für die Funktionalität des Hier und Jetzt. Und dennoch kann sich kaum einer die Weite vorstellen. Es bleibt ein theoretisches Konstrukt, in Größe eines Maßstabes, unbeschreiblicher Weite. Tatsache ist: wir können uns das Universum, obwohl es anhand seiner Unendlichkeit das komplexeste und unvorstellbarste ist, was wir kennen, besser erklären, als unsere eigene Existenz und dessen Endlichkeit. Weil wir nicht können oder wollen?

 

Diese Frage sollte zunächst offen bleiben. Nun zurück zu unserem eigentlichen Anliegen. Das Phänomen des Nahtodes. Wie schon bereits erwähnt ist dieses Themengebiet sehr vielfältig. Dadurch ergibt sich die unweigerliche Tatsache, dass man mehrere Stränge abhandeln muss, um dem Thema auch genügend gerecht zu werden. Denn die Begebenheiten des Nahtodes können uns mehr Aufschluss darüber liefern, was uns auf der anderen Seite erwartet, bzw. was uns unser Verstand gerne glauben machen würde. Das hier war sozusagen der Prolog. Im nächsten Bericht gehen wir auf mehrere Beispiele ein, was Menschen am Scheideweg erlebten und ob ihre Rückkehr vom Tunnel erfreulich oder eher enttäuschend war.

 

 

Carsten

12.03.2017

Hörbericht


Nahtoderfahrung: Erlebnisberichte

Erstes Erlebnis: Ich war ebenfalls neben dem Gabelstapler

 

Ein kleiner gemächlicher Hof in Niedersachsen kann von Manfred Röverkamp sein eigen genannt werden. Der in der Landwirtschaft tätige Mann ist im Bekanntenkreis für seine Bodenständigkeit bekannt. Er redet nicht um den heißen Brei herum und ist ein sehr rational eingestellter Mensch. Seit seinem schweren Verkehrsunfall 1994 hat sich diese Einstellung gegenüber dem Leben, es gebe nur harte Tatsachen, jedoch verändert. Röverkamp erlitt mit seinem Lkw einen schweren Verkehrsunfall. Er raste in ein Stauende hinein, reagierte zu spät und wurde in der Fahrerkabine schmerzlich eingeklemmt. Eine gefühlte Ewigkeit verging, wo der Landökonom blutend und vor Schmerzen verzweifelt auf seine Befreiung wartete. Die Feuerwehr rettete ihn aus dieser misslichen Lage und er wurde mit höchster Eile ins Krankenhaus befördert.

 

Der Narkosearzt verabreichte ihm eine Spritze, die ein künstliches Koma hervorrief. In dieser Zeit war Röverkamp rein gesundheitlich in einem dauer kritischen Zustand. Dieser lange Schlaf hielt mehrere Wochen an. Aber der Mann war nicht vollkommen weggetreten. Ihm war so, als wäre er in dieser Zeit ein Beobachter seiner selbst. Verwirrende Träume, die sehr lange und intensiv sind, waren die Folge. Am zweiten Tag nach seinem Unfall nahm er intensiv wahr, dass er sich außerhalb seiner sterblichen Hülle befand. Er sah sich selber auf dem OP-Tisch liegen, wie die Ärzte an seinem Körper agieren. Hektisch waren sie dabei, die Lungenfunktion wieder herzustellen. Röverkamp verließ den Raum durch die Wand. Seine Gefühlslage bei dieser bewussten Erfahrung war rein neutral. Er empfand kaum etwas, war nur gewissermaßen ein neutraler Zuschauer der Gegenwart. Draußen vor dem Gebäude sah er große Bäume, die er bei Entlassung aus dem Krankenhauses wiedererkannte, obwohl er nie zu Lebzeiten dort gewesen war.

 

Als nächstes hatte er den Impuls nach Hause zu gehen, um sich zu vergewissern, ob alles in Ordnung sei. Kollegen stehen neben einem laufenden Gabelstapler in der Halle und unterhalten sich über den schlechten Gesundheitszustand ihres Vorgesetzten. Röverkamp konnte alles hören und nahm die Besorgnis der Leute wahr. Später erzählte er ihnen, dass er diese Konversation miterlebt habe und schilderte den Kollegen Wort für Wort das Gesprochene. Sie waren gleichermaßen schockiert und erstaunt. Als nächstes sah er, wie alles verblasste und sich in einem riesigen weißen Raum wiederfand. Dieser ist nach seinen Worten her sehr schwer zu beschreiben. Diesen beschreibt er als unendlich wie auch endlich, eher friedlich als bedrohlich. Er nahm Personen wahr, die durch den Raum umherschweifen. Sie unterhalten sich, aber nicht verbal, sondern stumm via Telepathie wie es scheint. Er bekam mitgeteilt, dass er einen neuen Körper bekommt, der dem vorherigen gleichen werde.

 

Röverkamp erblickt diesen Körper, aber besteht darauf zurückzukehren, um wenigstens zu versuchen, den alten wiederzubekommen. Diese Umgebung verschwamm und eine andere manifestierte sich wieder zurück in den OP-Saal. Der Mann stieg wieder zurück in seinen alten Leib. Dieses Nahtoderlebnis verändert schlagartig seine Ansichten über den Sinn des Lebens. War der weiße Raum der Vorsaal zum Himmel? Waren die Personen, mit denen er kommunizierte Betreuer, vielleicht göttlicher Natur? Bekam er einen Einblick in die “Dauerschleife“ des Lebens? Oder war das alles nur eine Illusion? Die Aspekte, dass er bewusst seinen Körper verließ und die Gegenwart wahrnehmen konnte, die ja durchaus real war, lässt vermuten, dass der “Übergangsraum“ ebenfalls wirklich sein könnte, oder?

 

Zweites Erlebnis: In goldenes Licht getaucht

 

Gisela S. aus Baden kann ebenfalls von einem wundersamen Erlebnis sprechen, was sie lange für einen sehr schönen und intensiven Traum abgetan hatte. 45 Jahre lebte sie in diesem Glauben, bis sie per Gruppengespräch das Erlebte als Nahtoderfahrung identifizierte. Der Vorfall ereignete sich, als sie mit 17 an einem Schulgottesdienst teilnahm. Es war sehr dicht gedrängt auf den Bänken und unsagbar warm. Nach und nach machte sich bei ihr ein Schwindelgefühl breit. Langsam aber sicher verschwamm alles in ihrem Blickwinkel, der Richtung Altar gerichtet war. Aus heutiger Sicht war es wohl ein Kreislaufkollaps, der durch Sauerstoffarmut ausgelöst wurde. Ihr wurde kurz vor der Bewusstlosigkeit extrem schlecht, sie griff mit aller Kraft zur Bank, um ihrer Anspannung Einhalt zu gebieten.

 

Plötzlich war Gisela ganz losgelöst, befand sich über den Leuten, über dem Altar, an der Decke der Kapelle schwebend. Alles war im grellen, warmen Licht getaucht und verbreitete ein Gefühl der Geborgenheit. Sie nahm wahr, wie der Priester die Hostie empor hielt, die Altarglocken läuteten und die übrigen Ministranten als leuchtende Gestalten erschienen. Gisela beschrieb dies als geradezu himmlischen Zustand. Im nächsten Augenblick wurde die Welt um sie herum verschwommen und geriet wieder in normales Tageslicht. Sie wollte gar nicht zurück, denn ihr Gefühlszustand war, so beschrieb sie es, vollkommene Zufriedenheit und Wohlgefühl. Als ob alles, was existiert, keinerlei Belange habe. Zurück in ihrem “alten Körper“ war ihr wieder schlecht. Nie wieder hatte Gisela S. so einen einprägsamen Traum gehabt. Alles, was danach als Träumerei folgte, vergaß sie, nur an diesen vermeintlichen Traum kann sie sich noch ihr ganzen Leben lang erinnern. Und dies tat sie auch immer wieder gern.

 

Drittes Erlebnis: Rückblende

 

Franz Joachim Bilitewski lebte zur Zeit der Kapitulation Deutschlands 1945 in ständiger Angst vor den Rotarmisten, die, resultierend aus Zorn über die deutsche Besatzungszeit, nicht gerade zimperlich mit der Zivilbevölkerung umgingen. Am 8. Mai wurde er und ein dutzend anderer junge Männer von einem russischen Komitee aufgegriffen und per Schnellverfahren zum Tod per Kopfschuss verurteilt. Bilitewski war voller Panik und Angst. Die bemitleidenswerten Männer stellten sich in Reih und Glied auf und wurden einer nach dem anderen erschossen. Franz selbst kann von Glück reden, denn wie durch ein wunder überlebte er dieses Martyrium, obwohl für ihn ein tödlicher Kopfschuss wie auch ein Lungenschuss vorgesehen war. Ersterer ging bei späterer Analyse zwischen beiden Gehirnhälften hindurch, der zweite war ein projektiler Einschuss, der nur die Lunge streifte.

 

Nach dieser Hinrichtung verlor der junge Mann sein Bewusstsein. Er fand sich im Gefühl reiner Leichtigkeit wieder, wo alles belanglos und neutral erschien. Er sah Ausschnitte aus seiner Kindheit. Einzelne, nach Zeit seines Lebens geordnete Bilderfetzen. Die Phase im Elternhaus, wie seine beiden Geschwister und er von der Mutter gebadet wurden, Momente aus der Schulzeit, wie er mit Freunden im Freien spielte. Nach diesen und anderen Lebensrückblenden ertönte eine ruhige, sanfte stimme, die mit monotonem Wortlaut fragte:

 

Wer weint um dich?“

 

Dann erwachte er. Es schien schon der Morgen angebrochen. Bilitewski konnte sich nicht bewegen, und bis auf einen weiteren Beteiligten waren alle Männer tot. Er bedauerte, dass er wohl jetzt sterben müsse, obwohl er noch so jung sei und der Morgen so sonnig angebrochen war. Dabei fühlte er, laut seiner Aussage, aber keinerlei Schmerz. Kurz darauf wurde er und der andere Überlebende von anderen Leuten aufgefunden und versorgt. Seit dieser Erscheinung gibt es für Franz eine bestimmte Vorstellung über das Leben nach dem Tod. Er habe keinerlei Angst mehr nach diesem Erlebnis empfunden, was das Ableben angeht.

 

Alle drei Fälle stehen für die eine und selbe Sache. Was dies bedeutet und was für Konsequenzen wir für unsere weitere Analyse der Nahtoderfahrungsthematik daraus ziehen, sehen wir im nächsten Teil dieser Berichtserie. Ob man die Erlebnisse, oder viel mehr, das Wahrgenommene mit anderen Situation neurologischer Natur vergleichen kann? Wir werden es in Kürze erfahren.

 

 

Carsten

04.02.2018

Hörbericht